Unterweisung im Gebrauch des Blindenlangstockes

Inhalt:

  • Einleitung
  • Was ist das Ziel?
  • Wer kann teilnehmen?
  • Umfang und Dauer?
  • Wo wird geschult?
  • Was kann man lernen?
  • Schutz des eigenen Körpers
  • Verbesserung grundlegender Orientierungsfertigkeiten
  • Sensibilisierung der übrigen Sinne
  • Vermittlung des Langstockeinsatzes in unterschiedlichen Umweltsituationen
  • Optische Hilfsmittel
  • Optimale Ausnutzung des vorhandenen Sehvermögens
  • Analyse des Verkehrsgeschehens
  • Ergänzende Hilfsmittel
  • Wie ist die Praxis?
  • Auch Sehbehinderte?
  • Wer bezahlt?
  • Wo kann man sich hinwenden?
  • Einleitung

    Blindheit oder eine hochgradige Sehbehinderung schränken die Fähigkeit zur selbstständigen Orientierung und Fortbewegung in hohem Maße ein. Diese Schwierigkeiten fangen in der Wohnung an, werden aber spätestens mit der Teilnahme am Straßenverkehr so groß, dass eine Abhängigkeit von der Hilfe Anderer entsteht. In dieser lnformationsschrift wird ein Schulungsprogramm mit dem Langstock vorgestellt, das den blinden oder sehbehinderten Menschen in die Lage versetzen kann, sich als Verkehrsteilnehmer gezielt selbstständig und sicher fortzubewegen.

    Was ist das Ziel?

    Ziel der Schulung in Orientierung und Mobilität (O&M) ist es, Blinde und hochgradig Sehbehinderte im Gebrauch des weißen Langstockes so auszubilden, dass sie diesen als Verkehrsschutzzeichen und als Orientierungshilfe einsetzen können, um so die durch Blindheit oder Sehbehinderung bedingte Mobilitäts- und Orientierungsbeeinträchtigung so weit wie möglich auszugleichen.

    Wer kann teilnehmen?

    Jeder blinde oder sehbehinderte Mensch, der die notwendige Motivation mitbringt, kann an der Schulung teilnehmen. Dabei gibt es keine Altersgrenzen (siehe auch Infoblatt für blinde und sehbehinderte und /oder mehrfachbehinderte Kinder).

    Umfang und Dauer?

    Das benötigte Ausmaß an Selbstständigkeit sowie persönliche Fähigkeiten und Fertigkeiten des Blinden oder Sehbehinderten bestimmen den Umfang der Schulung. Während es für die eine Person ausreichend ist, sich innerhalb der eigenen Wohnung zurechtzufinden, muss die andere Person den Langstock beim Einkaufen einsetzen oder in der Grosstadt bei der Überquerung verkehrsreicher Kreuzungen benutzen.

    In all diesen Fällen ist es wichtig, den Langstock situativ und sicher zu handhaben. Sofern keine ausreichenden Vorkenntnisse über Umweltsituationen, städtebauliche Gestaltung und Verkehrskonstellationen vorhanden sind, müssen diese vermittelt werden, um so mit adäquaten Verhaltensweisen eine sichere und zielgerichtete Fortbewegung zu erreichen. Um dies zu erreichen, wird die Schulung stets als Einzelunterricht durchgeführt.

    Sie umfasst in der Regel ca. 100 Unterrichtsstunden. Faktoren wie Alter, Vorerfahrung, Art der Behinderung (geburtsblind, späterblindet, vollblind, hochgradig sehbehindert), Bedarf, psychische und physische Konstitution, Berufstätigkeit u.a.m. können die Stundenzahl nach unten oder nach oben entsprechend verschieben. Manchmal ist es sinnvoll, die Inhalte in zeitlich getrennten Abschnitten zu vermitteln, zwischen denen z. B. einige Zeit liegen kann, um das bis dahin Erlernte umzusetzen. So ist auch ein vorläufiger Abschluss nach deutlich weniger Stunden möglich, wenn nicht alle Inhalte vermittelt werden müssen. Nach einschneidenden Veränderungen z. B. Verschlechterung des noch vorhandenen Sehvermögens, Beeinträchtigung anderer Sinne (wie Hören und Tasten), ein anderes Wohnumfeld (Baumaßnahme, Umzug, neue Verkehrsmittel), Mängel in der sachgerechten Langstockhandhabung kann es notwendig werden, die Schulungsinhalte zu erweitern und die Anwendung des Langstockes auf die veränderte Sachlage neu abzustimmen.

    Wo wird geschult?

    In den meisten Fällen findet die Schulung am jeweiligen Wohn-, Schul- bzw. Arbeitsort des Blinden oder Sehbehinderten statt. Der Lehrer kommt nach Absprache und individuellem Bedarf zu ein- oder mehrstündigen Schulungseinheiten. Auch gibt es Blinden- und Sehbehinderteneinrichtungen, die Schulungen in O&M im Rahmen stationärer Reha-Maßnahmen anbieten. Blinde und sehbehinderte Kinder, die eine Blinden- oder Sehbehindertenschule besuchen, sollten dort immer wieder altersentsprechend unterrichtet werden (siehe Infoblatt: O&M für Kinder und Mehrfachbehinderte).

    Was kann man lernen?

    Blinde und Sehbehinderte erfassen die Umwelt in völlig anderer Weise als Sehende und setzen hierfür vorwiegend den Langstock ein. Die Schulung umfasst deshalb weit mehr, als die reine Vermittlung der Stocktechniken.

    Schutz des eigenen Körpers

    Ein Schwerpunkt ist das Erlernen verschiedener Techniken im Gebrauch des weißen Langstockes. Dieser etwa bis zum Brustbein reichende Stock (daher die Bezeichnung Langstock im Vergleich zum Stütz-, Krück- oder Taststock) wird beim Gehen rhythmisch vor dem Körper hin und her gependelt. Der Langstock ist stets einen Schritt voraus und zeigt somit Gefahren oder Orientierungspunkte rechtzeitig an (z. B. Bordsteinkanten, Treppen, Absperrungen, Ampelpfosten u. a. Hindernisse). Die Übungen zum Schutz des eigenen Körpers beginnen jedoch mit der Vermittlung von Bewegungsabläufen, die helfen, sich auch ohne Langstock in Räumen oder Gebäuden oder mit Hilfe einer sehenden Begleitung sicher fortzubewegen. Um ein sicheres, gemeinsames Gehen zu ermöglichen, werden hier auch die Angehörigen mit einbezogen.

    Verbesserung grundlegender Orientierungsfertigkeiten

    Gefördert werden sollen Körperbewusstsein, Zeitgefühl, Raumvorstellung (Aufbau einer "geistigen Landkarte"), ebenso wie der Umgang mit Passanten und das Erfragen von Informationen.

    Sensibilisierung der übrigen Sinne

    Ziel einer intensiven Sinnesschulung ist es, möglichst viele Umweltinformationen auch ohne Sehvermögen bewusst wahrzunehmen, sie richtig zu interpretieren und daraus ein situationsentsprechendes Verhalten für sich als blinder oder sehbehinderter Verkehrsteilnehmer abzuleiten.

    Vermittlung des Langstockeinsatzes in unterschiedlichen Umweltsituationen

    Um die Informationen, die das Hilfsmittel Langstock dem Benutzer übermittelt, richtig auswerten zu können, müssen verschiedene Umweltsituationen zunächst erarbeitet werden, was die Erschließung ähnlicher Örtlichkeiten erleichtern kann. Bei Personen, welche die Grundstrukturen der Umwelt nicht kennen, müssen hierzu zunächst umfassende Kenntnisse aufgebaut werden ( z. B. der Aufbau eines Hauses, einer Straße mit beidseitigem Gehweg, die Struktur einer Straßenkreuzung, einer U-Bahn-Station oder eines Kaufhauses.

    Optische Hilfsmittel

    Dies ist der zielgerichtete Gebrauch optischer Sehhilfen (Monokular, Lupe, Kantenfiltergläser).

    Optimale Ausnutzung des vorhandenen Sehvermögens

    Sehbehinderte lernen bestimmte Suchtechniken, um das vorhandene Sehvermögen einzusetzen, auch wenn sie nicht mehr in der Lage sind optische Hilfen zu benutzen.

    Analyse des Verkehrsgeschehens

    Verkehrsabläufe und sich daraus ergebende Gefahren sollen erkannt und beurteilt werden, so dass ein sicheres Fortbewegen im Verkehr möglich ist.

    Ergänzende Hilfsmittel

    Der Gebrauch elektronischer Hilfsmittel kann zusätzlich zum weißen Langstock vermittelt werden. Auch ist die Schulung in vielen Fällen eine wichtige Voraussetzung für das spätere Gehen mit dem Blindenführhund.

    Wie ist die Praxis?

    Nach dem Erlernen der Körperschutztechniken und Orientierungsfertigkeiten beginnt die Unterweisung im Gebrauch des Langstockes meist in einem Gebäude. Danach folgen die Benutzung des Langstockes in einem ruhigen Wohngebiet - meist die eigene Wohnumgebung - dann in einem Einkaufsviertel mit Fußgängerzone, schließlich in der Innenstadt mit ampelgeregelten Kreuzungen und bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Dazu kann es notwendig sein, tastbare Pläne oder Modelle eines bestimmten Gebietes zu benutzen oder andere Medien einzusetzen. Der Umfang und die Ziele einer Schulung werden individuell auf den Bedarf abgestimmt.

    Auch Sehbehinderte?

    Auch Sehbehinderte ( Makuladegeneration, Retinitis Pigmentosa, Nachtblindheit, Blendempfindlichkeit..) nutzen den weißen Langstock, um z. B. Hindernisse und Stufen bei ungünstigen Bedingungen rechtzeitig zu erkennen. Sie haben dadurch die Möglichkeit, das noch vorhandene Sehvermögen auf die Orientierung in der Umwelt zu konzentrieren, und gleichzeitig den Langstock als Hindernismelder zu benutzen. Es kann sein, dass der Einsatz des Langstockes zum Erkennen von Hindernissen oder Stufen bei individuell günstigen Lichtverhältnissen nicht zu jeder Zeit notwendig ist. Dann erfolgt die Schulung u. a. bei ungünstigen Lichtbedingungen (Dämmerung, Nacht, Blendung z. B. durch Schnee oder Sonne...). Der Langstock sollte jedoch im eigenen Interesse immer sichtbar als Verkehrsschutzzeichen mitgeführt werden (Paragraph 1 StVO).

    Wer bezahlt?

    Die Kosten für die Schulung werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen - als Einweisung in den Gebrauch des Hilfsmittels "Blindenlangstock", siehe Sozialgesetzbuch V, Paragraph 33 Abs. 1 Satz 2. Für die Beantragung der Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist eine ärztliche Verordnung des Langstocks und die Schulung in Orientierung und Mobilität erforderlich. Wenn keine Versicherung bei einer gesetzlichen Krankenkasse besteht, kann als Kostenträger nach BSHG die Sozialhilfe in Frage kommen. Wird eine zusätzliche Schulung für den Arbeitsweg benötigt, kann das Arbeitsamt als Kostenträger zuständig sein. Für eine Schulung in O&M infolge eines Arbeitsunfalls ist die Berufsgenossenschaft zuständig.

    Wo kann man sich hinwenden?

    Einen Rehabilitationslehrer in Ihrer Nähe erfragen Sie über den örtlichen Blindenverband oder Sie rufen uns einfach an, wir vermitteln Ihnen einen Kontakt zu einer/einem anerkannten Mobilitätslehrer(in).